Kapitalismus und Marktwirtschaft sind nicht das Gleiche

… und beide können langfristig nicht funktionieren, ohne dass es Verlierer gibt.

Und gleich vorweg: Planwirtschaft und Sozialismus sind auch nicht die Antwort.

Ausgangssituation

Grundannahmen

Jede Betrachtung braucht eine Reihe von festen Stützpfeilern, die als gesetzt angesehen werden (müssen), da man ansonsten vom Hundertsten ins Tausendste rutscht. Diese Annahmen will ich hier in Kürze zusammenstellen.

Ressourcen sind finit

Es gibt nur eine (zwar große) aber doch beschränkte Menge an Ressourcen, die einer Gesellschaft zur Verfügung stehen. Das gilt sowohl für Zeit als auch für Rohstoffe und auch Arbeitskraft. Nichts davon ist unendlich.

Konsum ist finit

Wenn man auch den Eindruck hat, dass in der Konsumgesellschaft immer und immer mehr konsumiert wird: Auch hier gibt es Grenzen. Spätestens dann, wenn ein Mensch 24/7 nur noch am konsumieren ist, ist eine natürliche Grenze erreicht. Praktisch vermutlich erheblich früher.

Beschreibung der aktuellen Gesellschaft

Ich beziehe mich bei dieser Beschreibung auf die Gesellschaft in Deutschland. Gelegentlich (dann weise ich darauf hin, sofern es nicht offensichtlich ist), werde ich aber auch den größeren Rahmen (Europa, ganze Welt) betrachten.

Wir leben in Deutschland in relativem Wohlstand.

Es gibt eine sehr kleine Oberschicht, auf die sich die Masse des Wohlstands in diesem Land konzentriert. Die Größe dieser Oberschicht ist relativ konstant. Es fallen also selten Leute aus ihr heraus und es kommen auch selten Leute hinzu. Der Austausch findet im Normalfall nur innerhalb der Familie statt. Das heißt Uropa stirbt weg und dafür rückt der gerade geborene Urenkel nach.

Daneben gibt es eine recht breite Mittelschicht. Die Mitglieder dieser Schicht leben in komfortablen Verhältnissen, haben ein geregeltes Einkommen, von dem sie nicht nur überleben können und müssen sich um die Zukunft nicht allzu große Gedanken machen.
Allerdings schrumpft diese Schicht in Deutschland. Der ehemals breite Mittelstand wird schmaler und es rutschen immer wieder Leute in die sogenannte Unterschicht ab.

Diese Unterschicht besteht vor allem aus Leute mit prekären oder schlecht bezahlten Jobs, Leuten ohne Job und einer Vielzahl von Leuten, die aus unterschiedlichen anderen Gründen am sogenannten „Rand der Gesellschaft“ stehen. Diese Leute haben oft Probleme, den Lebensunterhalt zu bestreiten und sind oftmals auf Transferleistungen angewiesen oder müssen damit rechnen, in Zukunft davon bedroht zu sein.
Diese Schicht wächst vor allem durch die Absteiger aus der Mittelschicht, denen der ehemals sichere und gut bezahlte Arbeitsplatz verloren gegangen ist.

Dynamiken in der aktuellen Gesellschaft

Da sich die Masse der Besitztümer auf die Oberschicht erstreckt, liegt auch der Besitz der meisten Firmen (im Sinne von Wirtschaftskraft und Bedeutung) in der Hand der Leute, die zu dieser Schicht gehören.

Die Mittelschicht war in Deutschland traditionell sehr stark und hat gerade durch Handwerk und mittelständische Betriebe signifikant zur Wirtschaftsleistung und Bedeutung beigetragen. Dieser Wert sinkt jedoch ziemlich konsequent und dauerhaft. Aktuell liegt der Wert noch bei rund einem Drittel (bezogen auf den Umsatz, Stand 2014) der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes. Vor rund 10 Jahren lag der Wert noch bei 50 %.

Es findet also eine kontinuierliche und recht schnelle Verschiebung der Wirtschaftsleistung von denen der Mittelschicht angehörenden Betriebe zu denen der Oberschicht angehörenden Betriebe statt. Es ist aktuell nicht erkennbar, dass dieser Trend sich verlangsamen würde.

Das bedeutet, dass sich faktisch die Besitzverhältnisse geändert haben und aus der ehemals mehrheitlich vom Mittelstand kontrollierten Wirtschaft eine nunmehr von der Oberschicht dominierte Wirtschaft geworden ist.

Kurzum: Der Oberschicht gehören inzwischen rund 2/3 aller Betriebe (nach Umsatz), Tendenz: schnell steigend

Es braucht nicht viel Fantasie, um zu verstehen, dass die Verschiebung des Besitzes der Produktionsmittel auch eine Verschiebung des Wohlstands bedeutet. Der Gewinn einer Unternehmung landet in unserem aktuellen Gesellschaftssystem beim Eigentümer des Unternehmens. Und da die Gewinne der deutschen Wirtschaft in den letzten Jahren immer gewaltigere Ausmaße angenommen haben, verläuft diese Entwicklung auch immer schneller.

Gesellschaftsformen

Was ist Kapitalismus?

Allgemein wird unter Kapitalismus eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung verstanden, die auf Privateigentum an den Produktionsmitteln und einer Steuerung von Produktion und Konsum über den Markt beruht.

Diese Definition halt ich jedoch für falsch.

Kapitalismus ist in meinen Augen eine Gesellschaft, in der die Besitzenden das Geschehen bestimmen. Wer die Macht über das Kapital hat, hat die Macht über die Gesellschaft.

Was ist Marktwirtschaft?

Eine Marktwirtschaft ist eine Gesellschaft, in der alle Entscheidungen den Märkten überlassen werden, also Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen und der Staat lediglich dann eingreift, wenn der Markt durch eine Monopolstellung bedroht wird.

Warum sind Kapitalismus und Marktwirtschaft nicht das Gleiche?

Viele Menschen setzen Kapitalismus und Marktwirtschaft gleich. Ich halte das für falsch.

Der Kapitalismus ist das genaue Gegenteil von Marktwirtschaft. Im Kapitalismus geht es darum, den eigenen Besitzstand so weit wie möglich zu vergrößern. Das klappt aber gerade dann am besten, wenn auf dem Markt nur ein Anbieter existiert und dieser die Preise diktieren kann, also gerade kein Wettbewerb vorhanden ist.

Warum sind Marktwirtschaft und Kapitalismus langfristig nicht haltbar?

Dass Marktwirtschaft und Kapitalismus nicht das Gleiche sind, habe ich im vorherigen Abschnitt bereits erklärt. Beiden gemein ist jedoch, dass sie keine stabilen Gesellschaftsformen sind. Allerdings aus unterschiedlichen Gründen.

Was ist falsch am Kapitalismus?

Der Kapitalismus führt zwangsläufig zu einer Konzentration des Kapitals in den Händen weniger. Dieser Mechanismus ist unvermeidbar, da Menschen unterschiedlich geschickt (und skrupellos) darin sind, ihre persönliche Habe zu verteidigen oder zu vergrößern. Daraus folgt zwangsläufig, dass das Kapital in den Händen derjenigen zusammenläuft, die am besten darin sind. Früher oder später besitzen einige wenige im Grunde alles während die Masse der Bevölkerung mittellos dasteht und dem Goodwill der Besitzenden ausgeliefert ist.

Wer das gut findet, kann das Wort „Demokratie“ vermutlich nicht einmal aussprechen, ohne nicht in schallendes Gelächter auszubrechen.

Was ist falsch an der Marktwirtschaft?

Bei der Marktwirtschaft haben wir ein anderes Problem.

Die Marktwirtschaft ist per Definition eine kompetitive Gesellschaftsform. Es gewinnt, wer mit dem geringsten Aufwand das beste Produkt zum günstigsten Preis anbieten kann.

Das klingt auf den ersten Blick toll. Günstige Preis, beste Qualität, geringster Aufwand – perfekt!

Nicht so schnell!

Man muss hier bedenken, dass alles ein Markt ist. Auch die Arbeitskraft. Wer gewinnt denn auf dem Arbeitsmarkt? Derjenige, der seine Arbeitskraft mit der höchste Qualität (Qualifikation) zum günstigsten Preis (Lohn) anbietet. Klingt schon nicht mehr ganz so toll, oder?

Was bedeutet das?

Die Marktwirtschaft ist im Grunde ein permanenter Überlebenskampf. Es überleben diejenigen, die die besten Leistungen erbringen können und vom Lohn existieren können. Der Rest verliert. Der Markt braucht sie nicht.

Und das Gleiche gilt auch für Unternehmen. Es überleben nur die Unternehmen, die aktuell die beste Leistung zum günstigsten Preis erbringen kann.

Was das bedeutet?

Ein (doch nicht so) kleines Beispiel, das zeigt, warum Marktwirtschaft nicht funktionieren kann

Jeder Mensch braucht Socken (ok, die meisten jedenfalls). Es gibt also einen Markt für Socken. Einen großen Markt. Den es gibt viele Menschen.

Eigentlich müsste man jetzt den kompletten Weg der Herstellung einer Socke in die Betrachtung einbeziehen. Das klammere ich hier aber mal aus, weil wir sonst nicht fertig werden und unterstelle einfach mal, dass der Markt für die Herstellung von Socken gesund ist, eine Vielzahl von Anbietern existiert und diese zu günstigen Preisen Socken für den Handel zur Verfügung stellen.

Wer hier protestiert, dass es nicht in Ordnung ist, solche Annahmen zu tätigen, hat damit bereits bestätigt, dass die Marktwirtschaft nicht funktionieren kann und braucht den Rest des Absatzes nicht mehr zu lesen, denn entweder die Marktwirtschaft funktioniert – und dann muss es einen funktionierenden Markt für die Herstellung von Socken geben – oder die Marktwirtschaft funktioniert eben nicht – und dann brauche ich gar nicht weiter zu machen.

Wir leben in einer globalisierten Welt, also stehen auf dem Weltmarkt reichlich Socken zur Verfügung, in allen möglichen Farben, Formen, Materialien und Preisen.

Die Einzelhändler kaufen jetzt also die (hoffentlich) am besten verkaufbaren Socken aus dem Großhandel und können diese weiter verkaufen. Und das funktioniert folgendermaßen:

Händler A kauft 100 Paar Socken zu 100 € ein.
Händler B kauft 10 Paar Socken zu 15 € ein.
Händler C kauft 1000 Paar Socken zu 500 € ein.

Die genauen Preise spielen keine Rolle, illustrieren aber die übliche Rabattierung: Wer mehr kauft, bekommt die Ware pro Stück günstiger.

Alle Händler haben im Moment nur eine Filiale in einer Gemeinde mit 1000 Einwohnern. Im Schnitt kauft jeder Einwohner ein Paar Socken im Jahr, also 1000 Socken in der gesamten Gemeinde.

Jeder Händler bietet jetzt seine Socken zum Verkauf an. Da jeder Händler auch Kosten hat und am Ende ja Gewinn machen will, müssen die Preise entsprechend weit über dem Einkauf liegen.

Händler A bietet seine 100 Paar Socken zu je 5 € an.
Händler B bietet seine 10 Paar Socken zu je 6 € an.
Händler C bietet seine 1000 Paar Socken zu je 4 € an.

Wenn alle anderen Umstände gleich sind, müsste nach der marktwirtschaftlichen Theorie Händler C 1000 Socken verkaufen und 4000 € erlösen, während die anderen Händler leer ausgehen. Sie verlieren in dem Jahr also 100 € bzw. 15 €, da sie die Ware nicht verkaufen können, sie aber beim Großhändler bezahlen müssen.

Was passiert jetzt?

Vorausgesetzt, dass die beiden anderen Händler jetzt nicht schon Pleite sind, sondern das Jahr mit Rücklagen überstanden haben, findet im 2. Jahr eine neue Runde statt. Händler A und B kaufen nicht ein – ihre Lager sind ja noch gefüllt. Händler C hat im letzten Jahr alles verkauft und freut sich auf das neue Jahr, kauft also wieder 1000 Paar Socken zu 500 € ein. Händler A und B sind aber nicht blöd und haben begriffen, dass ihre Preise zu hoch waren, sie deshalb im letzten Jahr nichts verkauft haben. Also passen sie ihre Preise (ganz der Theorie entsprechend) an und verkaufen ihre Socken jetzt zu 3,50 € (Händler A) und 3,75 € (Händler B).

A und B verkaufen in diesem Jahr entsprechend alle ihre Socken und Händler C wird diesmal nur 890 Socken los, macht aber auch seinen Schnitt. Friede, Freude, Eierkuchen – Marktwirtschaft funktioniert!

Nein, denn das Spiel ist noch nicht zu Ende.

Händler D bekommt mit, dass mit Socken ein gutes Geschäft zu machen ist und steigt in den Markt ein. (Marktwirtschaft funktioniert so.) Im 3. Jahr kaufen die Händler wie folgt ein:

Händler A kauft 200 Paar Socken zu 190 € ein.
Händler B kauft 20 Paar Socken zu 25 € ein.
Händler C kauft 890 Paar Socken zu 450 € ein.
Händler D kauft 1000 Paar Socken zu 500 € ein.

(Händler D ist groß und hat Geld, kann also gleich voll einsteigen. A und B sind mutiger geworden und wollen wachsen, also investieren sie mehr.)

Händler A bietet seine 200 Paar Socken zu je 3,50 € an.
Händler B bietet seine 20 Paar Socken zu je 3,75 € an.
Händler C bietet seine 1000 Paar Socken zu je 4 € an.
Händler D bietet seine 1000 Paar Socken zu je 3 € an.

Was jetzt passiert, ist klar: D verkauft seinen Bestand und A, B und C gehen leer aus, bleiben also auf ihrer gesamten Ware sitzen.

4. Jahr, D kauft als einziger ein: 1000 Socken zu 500 €. A, B und C kaufen nicht ein, passen aber ihre Preise für die Socken an:

Händler A bietet seine 200 Paar Socken zu je 2,75 € an.
Händler B bietet seine 20 Paar Socken zu je 2,90 € an.
Händler C bietet seine 1000 Paar Socken zu je 2,50 € an.
Händler D bietet seine 1000 Paar Socken zu je 3 € an.

Was jetzt passiert ist klar und auch die weiteren Jahre sind offensichtlich. Es gewinnt immer der Händler, der die (gleiche) Ware zum günstigsten Preis anbietet.

Was passiert aber, wenn irgendwann die Preise so weit im Keller sind, dass die Händler ihre Unkosten nicht mehr decken können und statt Gewinn nun Verlust machen? Nun, entweder sie gehen Pleite oder sie senken ihre Kosten. Also beginnt jetzt hier ein weiterer Wettbewerb und die Händler bezahlen ihren Mitarbeitern weniger Geld. Das geht für den Händler solange gut, bis der Mitarbeiter von seinem Geld nicht mehr leben kann oder ein besseres Angebot bei einem anderen Händler bekommt und sich verabschiedet. Wenn der Händler dann für das bisschen Geld, was er noch zahlen kann, keinen neuen Verkäufer mehr findet, ist das Geschäft auch am Ende. Irgendwann ist der Punkt auf jeden Fall erreicht, zu dem einer der Händler Pleite geht. Zwangsläufig.

In der Marktwirtschaft endet zwangsläufig in jedem Markt das Geschäft für einige Beteiligte in der Pleite. Immer. Das ist systemimmanent.

„Das ist halt so. Das gehört dazu!“

Na, wer von euch hat das gerade gedacht?

Ja, das gehört dazu – und das ist auch das Problem. In der Marktwirtschaft verliert immer jemand. Es gibt immer einen, der am Ende als Verlierer vom Platz geht und dessen Existenz kaputt gegangen ist.

„Aber er kann doch seine Socken im Nachbardorf verkaufen!“

Klar kann er. Aber das löst das Problem nicht. Es verschiebt sich nur.

Ich kann die Parameter verschieben wie ich will – am Ende verliert immer einer.

Dieses Beispiel lässt sich auf jeden beliebigen Markt anwenden. Völlig egal ob Rohstoffgewinnung, Produktion, Zulieferung, Dienstleistung oder Handel: Am Ende ist immer einer der Verlierer.

„Aber die Händler kaufen nur zu teuer ein! Bessere Preise!“

Nein. Das ist irrelevant. Auch das ist nur eine Verschiebung des Problems. Wenn die Händler jetzt anfangen geringere Preise von den Großhändlern haben zu wollen, verschiebt sich das Problem dahin. Und die geben ihr Problem weiter an die Hersteller. Und die verschieben ihre Produktion nach Bangladesh aus, weil die Arbeiter da billiger sind. Und dort werden die Fabriken dann immer billiger gebaut, die Leute immer schlechter bezahlt. Irgendwann bricht eine Fabrik ein und 150 Leute sterben …

Das Problem lässt sich nicht wegdiskutieren. Es bleibt da. Ich kann mir nur aussuchen, wo es scheppert. Aber es wird scheppern.

„Aber dann wird zu viel produziert! Das übergroße Angebot ist das Problem!“

Wollen wir das Spiel mal mit 990 Socken Angebot durchspielen, damit die Preise oben bleiben? Ist das wirklich nötig oder seht ihr von allein, dass dann die Verlierer nur an einer anderen Stelle sitzen?

(Mal ganz abgesehen davon, dass es kaum einen Markt gibt, der nicht durch ein Überangebot völlig überschwemmt wird. Wir stellen heute ohnehin schon viel mehr her, als wir eigentlich brauchen. In fast allen Bereichen.)

„Dann müssen die Händler was anderes verkaufen! Oder was anderes machen!“

Ehrlich? Auch das verschiebt das Problem wieder nur. Es gibt in diesem System keine Lösung für dieses Problem.

Die Erklärung war dann doch etwas länger, als ich ursprünglich geplant hatte. Aber ich denke, dass das notwendig war. Und ja, mir ist klar, dass das Beispiel vereinfacht ist. Aber auch ein komplexeres System führt zu exakt dem gleichen Ergebnis.

Marktwirtschaft und Kapitalismus funktionieren schon – wenn wir akzeptieren, dass es dafür Verlierer geben muss.

Ich will das nicht akzeptieren!

Falls ich irgendwann mal Zeit finde, entwerfe ich ein neues Modell, dass deutlich fairer und stabiler ist – und vor allem ohne systemimmanente Verlierer auskommt.

Aber dafür brauche ich deutlich mehr Zeit als die gute Stunde, in der ich diesen Text geschrieben habe. Zeit, die ich ich aktuell leider nicht habe.

Advertisements

Vier Monate Hyundai IONIQ electric – ein Rückblick

Seit Anfang April bin ich vollelektrisch unterwegs. Kurz vor Ostern habe ich meinen IONIQ aus Landsberg von Jürgen Sangl abgeholt und inzwischen rund 19.000 km abgespult. Das schaffen die meisten Autofahrer nicht einmal in einem Jahr.

Zeit also für einen ersten Rückblick!

Wie ist es mir also ergangen in den letzten Monaten?

Die meisten meiner Fahrten sind Langstreckenfahrten. In der Stadt fahre ich wenig bis gar nicht – weil es in Regensburg nur sehr beschränkt Sinn ergibt.
Einen großen Teil nehmen dabei die nahezu täglichen Pendelfahrten von Regensburg nach München zu meiner Arbeitsstelle bei T-Systems ein. Dort arbeite ich seit Juni und der Kauf der IONIQ war vorwiegend für diese Fahrt gedacht.

Und das funktioniert ganz gut.

Entgegen meiner ursprünglichen Planung kann ich jedoch in München nicht im Parkhaus laden, während ich arbeite, da der Parkhausbetreiber die eigentlich schon vorhandene Ladepunkte wieder abgebaut hat. Angeblicher Grund sind rechtliche Probleme. Danke Strabag! 😦

Also muss ich auf meinen Plan B zurückgreifen und unterwegs laden. D.h. ich stoppe in der Regel auf dem Hin- oder Rückweg am Rasthof in Schweitenkirchen. Dort stehen 4 SLAM-Ladesäulen. Diese sind fast immer komplett frei, so dass ich hier sehr zuverlässig laden kann. Die Ladesäulen werden von Allego betrieben, einer niederländischen Firma, die auch in Deutschland ein ziemlich beeindruckendes Netz aus Ladesäulen hat. Eigentlich ist die Ladung bei Allego in Deutschland nicht zu empfehlen, da die Kilowattstunde mit 69 Cent schweineteuer ist und sich ökonomisch überhaupt nicht lohnt. Allerdings habe ich von meinem Energieversorger Entega eine Ladekarte, mit der ich für flat 25 € im Monat so viel laden kann, wie ich will. Grandios!
Der Ladestopp in Schweitenkirchen dauert für gewöhnlich 20 bis 25 Minuten und mit An- und Abfahrt muss ich somit rund 30 Minuten zusätzlichen Zeitaufwand einrechnen.
Das ist nicht schön, aktuell aber nicht zu vermeiden. Ich nutze die Zeit oft für ein bisschen surfen im Netz oder ein Abendbrot bei Subway.

In Regensburg habe ich eine Weile über Nacht bei der Sparkasse in der Lilienthalstraße geladen und bin mit meinem Ninebot dann die restlichen Kilometer zu meiner Wohnung gefahren. Das hat allerdings nochmal um die 15 Minuten Zeit gekostet. Da die Ladesäule dort inzwischen nicht mehr kostenlos ist, lohnt sich der Aufwand für mich mittlerweile nicht mehr, so dass ich meistens am Arnulfsplatz lade. Hier kostet die Kilowattstunde inzwischen auch saftige 38 Cent. Die REWAG blockiert in meinen Augen damit die Elektromobilität eher, als dass sie sie fördert.

Aktuell kompensiere ich die Kosten dadurch, dass ich mittels BlaBlaCar regelmäßig Leute mitnehme. Das funktioniert recht gut, denn die Strecke zwischen Regensburg und München ist recht beliebt, insbesondere weil die Tarife der Bahn vor 9 Uhr ziemlich happig sind, gerade für Studenten.
Unterm Strich fahre ich auf die Weise relativ kostenneutral, wenn ich lediglich die Energiekosten betrachte.

Außerdem bin ich inzwischen mehrmals bei meinen Eltern gewesen (rund 550 km). Größtes Problem auf dieser Strecke ist die Zuverlässigkeit der Schnellladesäulen beziehungsweise deren Belegung. Es gibt fast nur einzeln stehende Säulen, so dass bei einem Ausfalls bzw. einer Belegung der entsprechende Standort komplett ausfällt. Das kompensiere ich durch meine inzwischen zum Standard gewordene Strategie der vielen aber dafür kurzen Stopps. D.h. ich halte bei nahezu jedem möglichen Halt an und Lade dafür dort nur kurz zwischen. Das führt manchmal dazu, dass ich nur 5 oder 10 Minuten pausiere und dann gleich weiter fahre. Ich empfinde das als angenehm, weil es einerseits eine recht hohe Sicherheit bietet (ich habe praktisch immer genügend Ladung, im Zweifel auch noch die nächste Ladesäule zu erreichen) und ich andererseits eben keine halbe Stunde am Stück rumstehe.

Darüber hinaus bin ich Ende Mai zu einem Kurzurlaub in den Niederlanden gewesen und habe auch auf dieser Strecke keinerlei Probleme gehabt. Es war jedoch recht ernüchternd zu sehen, wie eine Ladeinfrastruktur aussehen kann, wenn man den will. Die Niederlande sind uns hier weit voraus. Sehr weit. Dort kann man im Grunde fahren, ohne dass man sich vorher Gedanken machen muss, wie und wo man unterwegs laden kann. Man tut es einfach.

Anfang August war ich dann für zwei Wochen in Italien in der Gegend um Verona. Auch das war überhaupt kein Problem. Die Ladesäulen sind dort zwar noch einigermaßen dünn gesät – aber die Reichweite des IONIQ ist mehr als ausreichend, um das nicht zu einem Problem werden zu lassen.

Vor meinem Italienurlaub stand offiziell auch die erste Durchsicht an. Mit haarsträubenden 51 € hat mich das in den finanziellen Ruin gestürzt. 😉

Was klappt so richtig gut?

Komfort

Keine Vibrationen, kein Motorenlärm – es ist wirklich entspannend, im IONIQ zu fahren. Das möchte ich wirklich nicht mehr missen!

Anmerkung: Ein bisschen mehr Isolierung würde dem IONIQ gut tun, damit die anderen Lärmkisten weniger zu hören wären und bei höheren Geschwindigkeiten noch mehr Ruhe einkehrt.

Klimaanlage, Sitzheizung/-belüftung, Lenkradheizung

Hier ist Hyundai ein richtig großer Wurf gelungen. Das Setup gefällt mir sehr. Es ist unglaublich sparsam und trotzdem sehr wirksam.

Sitzposition

Die Sitzeinstellung für den Fahrersitz lässt bei mir keine Wünsche offen. Komplett elektrisch verstellbar mit Memoryfunktion und zurückfahrendem Sitz – besser geht es kaum! Ich fühle mich wirklich wohl beim fahren und habe auch nach hunderten Kilometern keinen tauben Hintern oder schmerzende Beine.

Adaptiver Tempomat

Ein ganz großer Wurf! Der adaptive Tempomat funktioniert super, ist recht zuverlässig und trägt ein großes Stück zum entspannten fahren bei. O-Ton eines BMW-Mitarbeiters, den ich vor ein paar Wochen mitgenommen habe: „Das kann Hyundai deutlich besser als BMW.“

Ganz selten kommt es vor, dass der Tempomat Lkw auf der Nebenspur als voraus fahrend erkennt und dann unnötig abbremst. Mir ist es so (etwas zu sensibel) allerdings lieber, als wenn er irgendwann mal ein Fahrzeug übersieht. Dafür reagiert er auch auf Fahrräder und Mopeds zuverlässig.

Gefährlich: Der Tempomat kann stehende Fahrzeuge nicht erkennen! (Ja, das steht in der Anleitung, gefällt mir aber trotzdem nicht.)

Verbrauch

Der IONIQ ist unfassbar sparsam. Das muss er auch sein, denn ansonsten wäre der 28 kWh-Akku ein echtes Problem. Selbst erheblich kleinere Fahrzeuge (z.B. der Zoe) verbrauchen deutlich mehr Strom. Hier hat Hyundai wirklich ganze Arbeit geleistet.

Wenn ich nicht gerade wie ein Irrer rase, kann ich den IONIQ recht problemlos mit 14 kWh/100 km fahren, komme als rechnerisch 200 km weit. Auch ein Verbrauch um die 12 kWh ist durchaus möglich, ohne auf der Autobahn zu einem Bremsschuh zu werden. Das wären dann satte 230 km Reichweite.

Ladegeschwindigkeit

Hier ist Hyundai deutlich besser, als alle direkten Konkurrenten. Kein anderer Hersteller (außer Tesla) kann in so kurzer Zeit so viele Kilometer in den Akku schaufeln.

Man bekommt schon fast Mitleid mit den armen Zoefahrern, die bei 60 % an der Ladesäule stehen, wenn man ankommt und 80 % erreicht haben, wenn man wieder abfährt – während man selbst in der Zeit von nahezu 0 auf 80 % geladen hat.

Was könnte besser laufen?

Navi

Das Navi und die Entertainmenteinrichtung sind super – zum finden von Ladesäulen taugt das Navi allerdings überhaupt nicht. Die vorhandenen Einträge sind hoffnungslos veraltet, unvollständig und teilweise komplett falsch. Wer nur mit dem Navi fährt, bleibt irgendwann garantiert liegen oder kann bestimmte Regionen erst gar nicht erreichen. Hier hat Hyundai die Hausaufgaben nicht gemacht und bekommt von mir eine glatte Fünf!
Allerdings ist Hyundai hier in „guter“ Gesellschaft. Bis auf Tesla versagen hier im Grunde alle Hersteller auf ganzer Linie.
Das muss unbedingt besser werden, ansonsten wird es im Mainstreammarkt zu massiven Problemen führen.

Ich arbeite um das Problem herum, indem ich die wirklich hervorragende App EVPlugfinder (iOS) benutze. Es gibt mit Wattfinder auch eine ähnliche Lösung für Android. Die iOS-App ist offiziell noch im Betastadium, wird aber hoffentlich bald released, denn sie ist in meinen Augen hervorragend.
Für die Planung langer Strecke nutze ich weiterhin den Routenplaner von Goingelectric. Der hat zwar einige nervige Bugs, ist aber gut geeignet, wenn man die Probleme kennt.

Lademechanismus

Die Abdeckung der Ladeanschlüsse wirkt billig und ist dem IONIQ unwürdig. Die Plastikkappen flattern wild im Wind. Das geht erheblich besser. Das ist kein großes Problem, nervt aber trotzdem.

Die fehlende Konnektivität ist unverständlich. Hyundai hat in den USA mit BlueLink eine funktionierende Lösung. Dass diese in Europa nicht verfügbar ist, empfinde ich als groben Fehler.
Es passiert (selten), dass ein Ladevorgang aus irgendwelchen Gründen abbricht (z.B. weil jemand den Notaus-Schalter an der Ladesäule betätigt). Wenn man dann nach einer halben Stunde zurück kommt, um weiter zu fahren und das Auto aber nur mit 35 % Akkustand auf einen wartet, weil 20 Minuten lang nichts passiert ist, würde ich mir eine Benachrichtigung wünschen. Das können andere Hersteller besser.

Einphasiges Laden

Für die meisten Fälle reicht die einphasige Ladung vollkommen aus.

Allerdings sieht man sich regelmäßig Problemen wie sie die REWAG durch ihre Tarife produziert ausgesetzt. Wenn ich die Resellerpreise von 38 Cent pro kWh nicht zahlen will (die auf der verlinkten Seite angegebenen 25,72 Cent/kWh erhält man nur als REWAG-Haustromkunde), bleibt theoretisch noch die Möglichkeit mittels SMS zu bezahlen. Dann wird nach Zeit abgerechnet. Mit dem gemütlichen 20 A-Kabel des IONIQ komme ich beim REWAG-Tarif von 62 Cent/15 Minuten bei einer Stunde und 4,6 kWh auf einen Preis von 54 Cent/kWh! Völlig indiskutabel. Selbst mit einem 32 A-Kabel und dem ignorieren der Schieflastverordnung kommt man noch immer auf saftige 35 Cent/kWh.
Mit einer dreiphasigen Ladeoption würde ich hier rechnerisch 22 kWh pro Stunde über die Leitung bekommen und entsprechend sehr akzeptable 11 Cent pro kWh bezahlen.

Bei meinem Ladevolumen würde es sich hier also tatsächlich lohnen, wenn ich hier eine Aufrüstoption kaufen könnte.

Seitlicher Ladeanschluss

Die meisten Ladesäulen sind so gebaut, dass sie einen Anschluss von vorn oder von hinten favorisieren. Meistens ist das kein Problem und man kann die hinten rechts befindlichen Ladeanschlüsse trotzdem problemlos erreichen. Gelegentlich ist das allerdings, gerade wenn man längs zur Ladesäule parkt und dann der Anschluss auf der falschen Seite ist, ein Problem. Ich finde hier die Lösung beim Leaf, Zoe und Soul EV (allesamt laden vorn mittig) gelungener.

Bugs und Unschönheiten

Die Firmware des IONIQ hat ein paar nervige Bugs und Usability-fails.

Vergessene Einstellungen

Der IONIQ hat drei verschiedene Fahrmodi (Eco, Standard, Sport) und für jeden kann man einzeln einstellen, wie sich z.B. die Rekuperation verhalten soll. Theoretisch. In der Praxis „vergisst“ der IONIQ diese Einstellungen mehr oder weniger regelmäßig, so dass man dann wieder die Standardeinstellung vorfindet.

Außerdem gibt es keine Möglichkeit die Rekuperationsstufe 0 vorzuwählen, die ich bevorzuge.

Auch die Einstellungen für Auto Hold und den adaptiven Tempomaten muss man bei jeder Fahrt neu aktivieren.

Das ist alles kein Beinbruch, nervt aber unnötig.

CarPlay

Gelegentlich passiert es, dass das Entertainmentsystem die Verbindung zum Phone neu aufbaut, obwohl dies bei einer kabelgebundenen Kommunikation eigentlich nicht nötig sein sollte. Das führt dann dazu, dass beispielsweise die Wiedergabe eines Podcasts gestoppt wird und man diese manuell wieder neu starten muss. Unschön.

Kein Frunk

Der Motorraum des IONIQ ist (naturgemäß) eher sparsam bestückt. Hier wäre es durchaus möglich gewesen, einen Frunk (front trunk) unterzubringen, in dem beispielsweise auch das Ladekabel hätte untergebracht werden können. So liegt das Kabel üblicherweise im Kofferraum rum.

Spurhalteassistent

Der Spurhalteassistent ist grundsätzlich ziemlich gut aber nicht perfekt.

Größtes Manko aus meiner Sicht: Man muss recht kräftig am Lenkrad zerren, damit er nicht alle 13 Sekunden rum jammert, dass man das Lenkrad bitte festhalten soll.

Gefährlich: Der Spurhalteassistent schaltet sich kommentarlos ab, wenn er die Spur nicht mehr zuverlässig erkennt. Lediglich die Anzeige im Display wechselt von grün auf weiß. Man kann sich also auf den Assistenten nicht so verlassen, wie auf den adaptiven Tempomaten.

Unschön: Die Spurerkennung funktioniert erst ab 60 km/h und eigentlich nur auf Autobahnen und breiten Landstraßen. In der Stadt geht es gar nicht und auch auf schmaleren Straßen, auf Autobahnbaustellen und im Stau geht nichts.

Unruhig: Der Spurhalteassistent ist etwas unruhig und neigt gelegentlich etwas zum „eiern“. Das ist eher ein Komfortproblem.

Insgesamt ist der Spurhalteassistent besser als nichts aber doch weit davon entfernt, einem Tesla Autopiloten das Wasser reichen zu können.

Kamera

Die Rückfahrkamera ist super und dringend notwendig. Allerdings neigt sie dazu, schnell zu verschmutzen. Hier wäre eine Abdeckung, wie beispielsweise der Golf sie hat, sinnvoll.

Ich hätte auch gern vorn eine Kamera, um mich gerade in der Innenstadt besser in noch schmalere Parklücken quetschen zu können.

Updates

Für jedes Update muss man in die Werkstatt. Ich kann durchaus verstehen, dass man Angst vor Updates „over the air“ OTA hat und diese nicht durchführen möchte. Aber bitte gebt den Leuten wenigstens die Möglichkeit, die aktuelle Firmware- und Naviversion auf einen USB-Stick oder eine SD-Karte zu laden, um das Update selbst durchführen zu können.

Zusammenfassung

Das klingt jetzt nach einer langen Kritikliste – aber ich bin sehr zufrieden mit dem IONIQ. Die Liste wäre bei allen meinen bisherigen Autos erheblich länger gewesen. Ich bin halt ein Perfektionist und Mäkelkopp und sehe Probleme, wo andere „passt schon!“ sagen.

In meinen Augen ist der IONIQ im Moment das beste Elektroauto auf dem Markt, wenn ich Tesla mal ausnehme.

Ich möchte keinen Verbrenner mehr fahren. Ich möchte ehrlich gesagt nicht einmal mehr in einem Verbrenner mitfahren.

Ausblick

Sollte der IONIQ mit einem größeren Akku auf den Markt kommen (möglicherweise Ende des nächsten Jahres), werde ich sehr wahrscheinlich umsteigen, weil das für die Pendelei nach München einen erheblichen Gewinn an Lebensqualität bedeutet.
Möglicherweise werde ich auch auf den Kona (technisch dem IONIQ sehr ähnlich) wechseln, der ebenfalls im nächsten Jahr kommen wird.

Teilhabegesetz – ein paar Gedanken dazu

Im Moment wird das Bundesteilhabegesetz intensiv diskutiert. Dieses Gesetz hat das Bundeskabinett bereits passiert und wird wohl in Kürze final im Bundestag behandelt.

Nun lässt sich in etlichen Medien erkennen, dass gerade die Betroffenen ziemlich intensiv Sturm gegen dieses Gesetz laufen und mit medienwirksamen Aktionen dagegen protestieren. Auf teilhabegesetz.org lässt sich recht gut nachvollziehen, was hier kritisiert wird und wie der aktuelle Stand der Dinge ist.

Das war für mich Grund genug, mich mal mit einem Teil des Gesetzentwurfes auseinander zu setzen. Konkret möchte ich mich mit dem Teil beschäftigen, bei dem es sich um das Einkommen von Menschen mit Behinderung dreht.

Aktuell ist es so, dass Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind, recht intensiv an den Kosten beteiligt werden, sobald sie mehr als den doppelten Hartz4-Satz verdienen. Das sind etwas über 800€. Wer als Mensch mit Behinderung also mehr als diesen Betrag verdient und auf Unterstützung angewiesen ist, also beispielsweise einen Betreuer benötigt, um grundlegende Aufgaben des Tages zu erledigen, wird einen Großteil seines möglichen Einkommens nicht zu Gesicht bekommen, da hier das Sozialamt bis zu 80% einstreicht. Gleichzeitig dürfen Menschen in so einer Situation auch nahezu nichts ansparen, da bei mehr als 2600€ angespartem Geld sofort wieder das Sozialamt auf der Matte steht. Das ist das direkte Ticket in die Altersarmut.

Das ist natürlich völlig indiskutabel, da sollte wohl keine große Diskussion aufkommen.

Interessant ist jetzt der Entwurf des neuen Teilhabegesetzes. Diese Entwurf erhöht den Sparbetrag auf 50.000€ und hebt das Einkommenslimit auf 30.000€ pro Jahr an, ab dem eine Beteiligung an den Kosten fällig wird. Das klingt erstmal nach einer deutlichen Verbesserung. Ist es auch, gar keine Frage.

Aber mir stellt sich da dann doch eine ganz andere Frage: Warum müssen Menschen mit Behinderung überhaupt für die Kosten aufkommen, die dadurch entstehen, dass sie am ganz normalen Leben überhaupt teilnehmen können?
Nochmal deutlicher: Es geht hier ja nicht darum, dass man den Betroffenen irgendwas schenkt, sondern darum, dass Menschen mit bestimmten Behinderungen auf gewisse Hilfen schlicht angewiesen sind, um im Alltag überhaupt zurecht zu kommen. Und diese Kosten sollen sie jetzt – unter bestimmten Umständen – selbst tragen.

Warum?

Wenn ich mir eine teure Luxuswohnung kaufe und die Kosten ein Problem für mich darstellen, dann ist das mein Problem. Aber es ist ein Problem, das ich selbst geschaffen habe und aus dem ich auch aus eigenen Kraft wieder herauskommen kann.
Wenn ich meinen Job kündige und mein Einkommen von einem Tag auf den anderen wegfällt, dann ist das mein Problem. Aber auch das Problem habe ich selbst geschaffen und kann es auch selbst wieder lösen.

Aber diese Menschen haben keinerlei Einfluss auf ihre Situation.

Blinde Menschen haben sich nicht ausgesucht, dass sie nicht sehen können.
Gelähmte Menschen haben sich nicht dafür entschieden, sich nicht so bewegen zu können, wie die meisten anderen Menschen.

Und sie können die Situation auch nicht aus eigener Kraft ändern.

Es gibt für einen blinden Menschen keine realistische Möglichkeit, sich das Sehen anzueignen.
Es gibt für einen gelähmten Menschen keine Möglichkeit, die Bewegungsfähigkeit zu erwerben.

Warum also sollen Menschen für Belastungen aufkommen, für die sie nicht verantwortlich sind und die sie auch überhaupt nicht beeinflussen können?

Es geht hier ja nicht darum, diesen Leuten irgendwas zu schenken. Es geht auch nicht darum, dass die Gesellschaft hier irgendwas sparen könnte. Die Kosten entstehen so oder so.

Es geht schlicht und ergreifend um die Frage, ob Menschen einfach ihrem Job nachgehen können und wie alle anderen auch die Früchte ihrer Arbeit ernten dürfen und davon natürlich Steuern und Sozialabgaben leisten müssen – oder ob sie obendrauf noch für Kosten durch Einschränkungen aufkommen müssen, die andere Menschen gar nicht haben und auf die sie absolut gar keinen Einfluss haben.

Meine Position ist daher sehr eindeutig: Kosten, die durch Behinderungen entstehen, sind Kosten, die die Gesellschaft zu tragen hat und die wir gemeinschaftlich schultern müssen. Daher plädiere ich dafür, Menschen mit Behinderung ganz genauso zu behandeln, wie alle andere Menschen auch und jegliche besonderen Beschränkungen bei Sparsummen und zusätzliche Beteiligungen beim Einkommen zu streichen.

Das wäre echte Teilhabe.

Gesellschaft der Zukunft – Wie könnte sie aussehen?

Auf meiner Facebookseite und auf Twitter zettle ich mit meinen Kommentaren immer wieder Diskussionen an, die einerseits die Kapitalismus- und Marktwirtschaftsfans in Rage bringt und andererseits aber auch die Kommunisten nicht glücklich macht, weil ich weder der einen noch der anderen Seite einfach so zustimmen möchte. Dann kommen nach einer Weile immer die Fragen „Ja was soll es denn dann werden?“ und ich versuche mich in Erklärungen, die selten wirklich überzeugen, da man in Kommentaren eben schlecht komplexe Situationen sinnvoll erklären kann.

Daher versuche ich es mit einem etwas umfangreicheren Blogpost.

weiterlesen