Hyundai Ioniq Elektro Premium – Das Rennen

Der Test des Hyundai Ioniq Elektro in der Trendausstattung machte Hoffnung – aber noch fehlte etwas, das letzte Quentchen zum Glück.

Das Autohaus Sangl in Landsberg hat mir ihrem Chef einen wirklich engagierten e-Auto-Enthusiasten und im Gegensatz zum lokalen Autohaus in Regensburg auch Ahnung, denn dort gibt es den Ioniq in der Premiumausstattung zum testen.

Der Unterschied zwischen Premium- und Trendausstattung in Kurzform:

  • Wärmepumpe statt konventioneller Heizung
  • Sitzheizung
  • Lenkradheizung
  • aktiv belüfteter Akku inkl. Heizung
  • belüftete Sitze
  • Parksensoren auch vorn
  • elektrisch verstellbarer Fahrersitz mit Memoryfunktion
  • und noch einiges mehr

Wichtig sind vor allem die ersten vier Punkte – denn sie sind allesamt reichweitenrelevant. Warum werde ich später erklären.

Das Ziel ist wieder das gleiche, wie auch bei allen Testfahrten (Ioniq Trend, Leaf, Soul EV) vorher: maximal 8 Stunden bis zu meinen Eltern im rund 550 km entfernten Legde. Ohne Stress und inkl. Ladepausen.

Los geht’s diesmal eigentlich schon in Landsberg, denn dort hole ich den weißen Ioniq ab, randvoll geladen, vorgeheizt und bereit zum Test. Nach einem sehr angenehmen Gespräch mit dem Chef des Hauses fahre ich gegen 17 Uhr vom Hof Richtung Regensburg. Am Autoschlüssel hängt sogar noch ein Ladechip von The New Motion – was für ein Service!

Die Strecke ist mit rund 180 km bei -1 Grad zu weit, um entspannt ohne Zwischenstopp machbar zu sein, so dass ich in Schweitenkirchen, ein paar Kilometer hinter München einen Zwischenstopp einlege und mein Gefährt an einer der recht zahlreichen Ladesäulen auflade, während ich mein reichlich überfälliges mini-Mittagessen nachhole.

Der Ioniq ist so gut wie voll, als ich wieder zur Ladesäule zurückkehre und einen Teslafahrer beobachte, der gerade sein Model S an einen der direkt nebenan gelegenen SuperCharger anschließt.
Mit gut 80% Akkustand geht es weiter Richtung Regensburg.

Da der restliche Weg nur noch 80 km lang ist, stellt das überhaupt kein Problem dar. Nach ein paar Kilometern beschließe ich, den „Sport“ genannten Modus zu testen und den Ioniq von der Leine zu lassen.

Und er geht.

Tacho 175 km/h sind in wirklich kurzer Zeit erreicht. Bei 185 km/h ist auch bei abschüssiger Strecke Schluss.

Und wie er geht!

Die Beschleunigung des Ioniq macht echt Spass. Die Fahrassistenten haben auch bis zur Höchstgeschwindigkeit (Cruise Controal kann man auf maximal 180 km/h einstellen) keine Probleme und nur in ganz engeren Kurven wird mein Vertrauen in den Lane Assist auf eine harte Probe gestellt. Aber es funktioniert alles.

Auf einem abschüssigen Stück sehe ich während eines Bremsvorganges kurzzeitig „-81 kW“ im Display aufblitzen – ebenfalls ein beeindruckender Wert bei der Rekuperation, den offenbar nicht mal Tesla erreicht.

Mit 20 km Restreichweite erreiche ich die Ladesäule in der Kirchmeierstraße in Regensburg. Diese ist etwas besonderes, denn sie liefert 60 kW statt der sonst üblichen 50. Und der Ioniq ist dementsprechend schnell voll (94%) geladen.

Inzwischen habe ich im goingelectric-Forum einen Thread gestartet, in dem ich live von meinen Erlebnissen berichten werde und enormes Feedback erfahre. Ich bin ganz offensichtlich nicht der einzige Elektroauto-Enthusiast.

Wirklich los geht es um Punkt 20 Uhr. Das macht die Berechnung der Restzeit einfacher.

Die geplante Strecke sieht ganze 6 Zwischenstopps vor. Es wird also immer nur kurze Etappen mit relativ kurzen Ladestopps geben. Das soll die Durchschnittsgeschwindigkeit möglichst hoch halten und mir helfen, mein Ziel möglichst zügig zu erreichen.

Erster Stopp ist Wernberg-Köblitz, 68 km nördlich von Regensburg.

Auf der Autobahn steht Cruise Control bei 125 km/h (effektiv sind das 120 km/h) – eine sehr angenehme Reisegeschwindigkeit. Der Lane Assist ist permanent eingeschaltet. Beide werden das Auto den größten Teil der Strecke eigenständig steuern. Ich überwache die Systeme nur und kann die Fahrt entspannt angehen.

Was mir schon auf dem Weg von Landsberg nach Regensburg aufgefallen ist, bestätigt sich jetzt erneut: Die Wärmepumpe verbraucht in dem einmal warmen Auto nie mehr als 1 kW. Die meiste Zeit stehen 0,8 kW im Display. Verglichen mit den 2,4 kW, die im Trend praktisch permanent zu sehen waren, ist das ein gewaltiger Unterschied. Und das, obwohl es während der Fahrt mit -1 bis -2 Grad Außentemperatur sogar noch kälter ist als in der Woche zuvor beim Test des Ioniq Trend. Die gute LED-Beleuchtung tut ihr übriges und kompensiert den zusätzlichen Stromverbrauch der Sitzheizung locker. Stufe 1 reicht völlig aus, sonst wird es zu warm.

Den kurzzeitigen Gedanken, den ersten Ladestopp zu überspringen, verwerfe ich und erreiche den Rasthof. Die Ladestation finde ich nach kurzer Suche …

laden-1

… um 20:38 Uhr und der Ioniq lädt die verbrauchten kWh (Akkustand 55%) nach.

Auch hier zeigt sich immer wieder das Problem der Elektrotankstellen: Sie sind oft schlecht ausgeschildert. Ein wirklich unnötiges Hindernis.

Einer meiner treuen Begleiter im Forum teilt mir mit, dass mein Akkustand 3% besser liegt, als es der Routenplaner errechnet hat. Ein guter Start.

Bei 80% soll es weitergehen, da der Ioniq bis zu diesem Wert mit maximaler Geschwindigkeit (an den meisten Säulen sind das 50kW) lädt. Insgesamt 12 Minuten braucht der Ioniq dafür. Um 20:54 geht es wieder zurück auf die A93 weiter gen Norden.

Der nächste geplante Stopp ist die Shelltankstelle in Thiersheim. Auch dort gibt es eine Ladesäule von allego – nicht gerade der günstigste Anbieter, aber dafür wirklich weit verbreitet und bisher haben die Säulen bei mir immer 1a funktioniert.

Während dessen starten im Forum die ersten Hochrechnungen, wie ich denn so in der Zeit liege. Erstes Ergebnis: Voraussichtliche Gesamtfahrzeit 7 Stunden 45 Minuten. Das passt.

Um 21:35 Uhr stehe ich pünktlich mit 34% Restkapazität an der Ladesäule in Thiersheim. Wer jetzt mitgerechnet hat, wird feststellen, dass mir für den direkten Weg zu diesem Stopp rechnerisch 1% Akkukapazität gefehlt hätten.
Im Forum starten derweil die Spekulationen, weil Glympse in Edge-Country die Updates nicht mehr sauber über die Leitung bekommt und es im Forum so aussieht, als ob ich an der Ausfahrt liegen geblieben bin. Nach ein paar Minuten passt aber alles wieder und auch hier soll es bei 80% weiter gehen. Um 21:55 Uhr ist es so weit.

Nach der Berechnung meiner virtuellen Beifahrer im Forum müsste ich um 22:31 den nächsten Stopp am Rasthof Frankenwald Ost erreichen. Und ich bin pünktlich.

Das hilft aber nicht viel, denn am einzigen CCS-Stecker nuckelt ein e-Golf. Und warten kostet Zeit. Zeit habe ich aber nicht. Also muss ein Plan B her. Die hervorragende App Ladestationen hilft mir dabei und so stelle ich den Plan kurzerhand um. Ziel ist jetzt Hermsdorf. Die Anfahrt ist etwas komplizierter, da ich dafür auf die andere Seite der Autobahn muss. Das kostet zwar auch Zeit – sollte aber doch schneller gehen, als die unklare Wartezeit an der belegten Ladesäule.

Der Haken: Ich habe schon 68 km hinter mir und ein guter Teil dieser Strecke ging bergauf. Mein Akku hat daher schon gut Federn (bzw. Ladung) gelassen.

Also runter mit der Geschwindigkeit, um die restliche Kapazität zu strecken. Es gilt weitere 60 km zu überbrücken. Und das bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Ein echter Härtetest für den Ioniq. Mit rund 90 km/h geht es weiter und auf den abschüssigen Streckenteilen (das sind so einige) lasse ich den windschnittigen Elektroboliden im Leerlauf einfach rollen. Bergauf wird die so gewonnene Zusatzreichweite aber schnell wieder aufgefressen.

Wird es reichen?

Mein Sparprogramm zahlt sich aus, denn mit einem Akkustand von 8% erreiche ich um 23:15 Uhr die Ladesäule in Hermsdorf, trotz bergiger Strecke und zügiger Fahrt auf der ersten Hälfte. Auch hier gilt: Wer nicht ganz genau weiss, wo er hin muss, wird eine unschöne Überraschung erleben. Die Abfahrt zur Tankstelle ist die falsche – und man kommt nicht zurück zum alten Rasthof, an dem die Ladesäule steht. Dann wäre eine Ehrenrunde von mindestens 10 km fällig.

Die Ladesäule hat jetzt gut zu tun. Allerdings habe ich durch die langsame Fahrt und den Umweg einiges an Zeit verloren. 😦

Beim Laden will ich die Route neu planen. Viel Arbeit habe ich dabei nicht, denn im Forum hat man das schon für mich erledigt und schlägt mir diese geänderte Route vor.

Der nächste Stopp wäre demnach Köckern in 95 km Entfernung.

Ich werde mutig und breche schon bei 75% Akkustand auf, um Zeit zu sparen.

Um 23:42 Uhr bin ich also wieder unterwegs. Die Straße ist einigermaßen eben. Größere Anstiege gibt es keine mehr.

0:33 Uhr – Ankunft Köckern mit 18 % Restkapazität. Es läuft wieder rund.

Der nächste Stopp wird kompliziert. Ich komme von der Bundesstraße 107 und will auf die A2, um an der Raststätte Ziesar zu laden. Der Haken: Es gibt keinen direkten Weg dahin, zumindest keinen offiziellen.

Ich will zur Sicherheit bis 83% laden, um eine Reserve zu haben, falls es schief gehen sollte. Aber die Geduld reicht nicht bis dahin und so fahre ich schon bei einem Akkustand von 80% los.

Um 1:02 Uhr bin ich zurück auf der Autobahn. Die Abfahrt auf die Bundesstraße ist nicht mehr weit.

Auf der B107 geht es jetzt deutlich langsamer vorwärts. Cruise Control steht nun nur noch bei 105 km/h (effektiv 100 km/h). Mehr wäre nicht zulässig. Das spart zwar Strom aber kostet Zeit. Eine Autobahn gibt es hier ohnehin nicht. Die A14 ist noch immer im Bau.

Und dann geht es schief. Aber anders als gedacht – die Straße ist gesperrt. Ich muss runter von der B107 und über noch winkligere Nebenstraßen weiter zur Anschlussstelle Wollin und dann quer zur eigentlichen Fahrtrichtung die A2 entlang. Das war so nicht geplant. Und der Umweg kostet wieder Zeit. Zeit, die ich eigentlich nicht habe.

Aber immerhin ist das ein offizieller Weg und ich sollte jetzt ohne Probleme meine Ladesäule erreichen.

Das tue ich auch. Um 2:12 Uhr stehe ich in Buckautal Nord an der Ladesäule mit 13 % Restkapazität und lade fix nach.

Inzwischen habe ich ein ziemlich gutes Gefühl dafür, wie weit der Akku des Ioniq reicht.

Die letzte Etappe ist 98 km lang und führt nur noch über verwinkelte Land- und Bundesstraßen.

Bei Akkustand 54% bricht der Ladevorgang urplötzlich ab. Schnell starte ich einen neuen Versuch – und der Ioniq lädt wieder. Manche Ladesäulen haben einen eigenen Willen …

Ich lade wieder nur bis 75% und fahre um 2:38 Uhr weiter. Es sind jetzt nur noch 1 Stunde und 21 Minuten Zeit bis zur Deadline. Rechnerisch ist es noch möglich. Aber es wird verdammt eng.

Ich wechsle in den Sport-Modus, um besser zu beschleunigen. Ich hoffe, dass ich auf der sehr kurvigen Strecke dadurch ein wenig Zeit heraushole, ohne zu viel Akkukapazität zu verlieren.

Ziesar – Tucheim – Genthin – Redekin – Jerichow  … ein Haufen kleiner Nester auf dem Weg und das kostet wieder Zeit. Viel Zeit. Ich fahre trotzdem weiter vorschriftsmäßig. Rasen zählt nicht!

Die Kilometer werden jetzt quälend lang und die Uhr tickt unaufhörlich. Ok, sie tickt eigentlich nicht, denn im Ioniq ist alles digital.

Eine Stunde und 13 Minuten später:

2017-02-11_03-51-21_470

Ich passiere um 3:51 Uhr den Ortseingang von Legde und habe es tatsächlich geschafft! Nach 7 Stunden und 51 Minuten komme ich in Ledge an.

Und ich bin nicht nur überglücklich sondern auch topfit!

Die 5 Stopps und die beiden Assistenten haben mich munter gehalten. Während ich nach dieser Strecke in meinem kleinen Stinker normalerweise ziemlich platt bin, steige ich munter aus dem Ioniq und stöpsle ihn im Carport meiner Eltern an die Schukodose.

Der Hyundai Ioniq Elektro Premium ist das erste Elektroauto, das den Benchmark von 8 Stunden bis zu meinen Eltern knackt – und es wird mein nächstes Auto werden! Am Ende komme ich auf einen Durchschnittsverbrauch von 18 kWh/100km.

Noch in der Nacht poste ich im Forum „Jürgen, mach den Kaufvertrag klar!“

Voraussichtlich Ende März wird es so weit sein. Dann kommt Sangl-Ioniq Nummer 136 in Landsberg an. Er wird gelb sein.

Bis dahin muss mein VW Up! verkauft sein. Es war ein gutes Auto. Aber seine Zeit ist vorbei.

Die Zukunft hat begonnen.

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